Wie ein Schaf in der Wüste: Als James Baldwin die Schweiz besuchte.

Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2012.

[Rezensionen]

Von Christiane Zinzten | Erschienen in NZZ

02. November 2012

James Baldwin – fremd in Leukerbad

czz. · Schwer zu sagen, wessen Befremdung die grössere war: die der Bürger von Leukerbad, welche in der vortouristischen Abgeschiedenheit des Winters 1951 zum ersten Mal einem dunkelhäutigen Menschen begegneten, oder diejenige James Baldwins (1924–1987), der aus New York über Paris kommend noch nie eine ethnisch nicht durchmischte Gesellschaft erlebt hatte. Obwohl man während mehrerer Schreibaufenthalte des wohl bedeutendsten afroamerikanischen Autors im Dorf respektvoll miteinander umging, blieb Baldwin, wie ein 1955 publizierter autobiografischer Essay titelte, «Der Fremde im Dorf». Und es dürfte genau diese «sichtbare» Fremdheit gewesen sein, die (eingebettet in ein Aggregat aus Neugier und Distanz) James Baldwin eher zu ertragen vermochte als die in den USA gesellschaftlich tief wurzelnde Segregation, gegen welche er an der Seite Martin Luther Kings kämpfte. Im Rückgriff auf Baldwins Text haben sich der aus der Spoken-Word-Szene stammende Michael Stauffer und der aus Leuk gebürtige Rolf Hermann auf Spurensuche begeben, mit Baldwins einstigen Freunden gesprochen und sind mit höchst hörenswerten französischen und walliserdeutschen Materialien zurückgekehrt. Zusammen mit überlieferten amerikanischen «Originaltönen» James Baldwins entsteht ein ebenso reizvolles wie reiches Mosaik der Sprachen, die sämtlich diskret von Synchronsprechern sekundiert werden. Über alle Sprachgrenzen hinweg erklingt die Stimme der Sympathie, welche die Frage des Fremdseins zwar erörtert, dabei jedoch das Verbindende über das Trennende stellt.

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Von Regula Fuchs | Erschienen in Der Bund

26.Oktober 2012

Haare für einen Wintermantel: James Baldwin in Leukerbad

Die Hörspiel-CD «Wie ein Schaf in der Wüste» führt vor, wie ein Walliser Bergdorf in den 1950er-Jahren zum Brennpunkt der afroamerikanischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts wurde.

Kaum sass er fünf Minuten in der Sonne, kam ein mutiges Geschöpf zu ihm, staunte ihn an, berührte ängstlich seine Haut. «Ich war ein lebendes Wunder», erinnert sich James Baldwin später.

Die Szene ist das Walliser Bergdorf Leukerbad, das Jahr ist 1951 und der Protagonist ein junger Afroamerikaner, der sich als Schriftsteller versucht. 1948, als 24-Jähriger, zieht James Baldwin mit 40 Dollar in der Tasche und mageren Französischkenntnissen von New York nach Paris, um dem rassistischen Klima der USA zu entkommen. Da Paris für den Autor, der an seinem ersten Roman arbeitet, viel zu viele Ablenkungen bereithält, entschliesst er sich, sein Projekt an einem Ort voranzutreiben, wo er ungestört ist. Also fährt Baldwin mit seinem damaligen Freund, dem Schweizer Lucien Happersberger, nach Leukerbad, wo Happersbergers Familie eine Wohnung besitzt.

Und so kommt es, dass jener Mann, der eine der

ein?ussreichsten Stimmen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung werden sollte, im Februar 1951 in einem kleinen Walliser Dorf Erfahrungen macht, die seine Sicht auf die Rassenkon?ikte schärfen sollten. In einem Dorf notabene, wo sich im Winter noch kaum ein Tourist hinwagt, in eine «weisse Wüste» aus Schnee und Eis, wie der 1987 verstorbene Baldwin schreibt.

«Ihn aus der Nähe anschauen»

Der Bieler Michael Stau?er und der Walliser Rolf Hermann, beide als Literaten und Sprechkünstler bekannt, erinnern in ihrem suggestiven Hörspiel «Wie ein Schaf in der Wüste» an Baldwins Schweizer Aufenthalt. Sie montieren neben die Erzählerstimmen Originalaufnahmen von Baldwin, Interviews mit Lucien Happersberger (der 2010 verstorben ist) und dem Schreiner und Skilehrer Lorenz Possa aus Leukerbad, der von seinen Begegnungen mit dem «Neger» erzählt: «Und ich hab dann zu mir gesagt, um Baldwin etwas besser kennen zu lernen, muss ich wohl am Abend in die Alpina-Bar gehen. Dort konnte man ihn aus der Nähe anschauen.»

Die Erfahrung des Fremdseins prägte Baldwin zwar seit seiner Jugend in Harlem, doch: «Leukerbad war der perfekte Ort, um sich vollkommen fremd zu fühlen», sagt Lucien Happersberger auf der CD und weiss noch, was Baldwin selbst äusserte: «These mountains were white, baby, no question about that!»

Jenseits des Vorstellbaren

Wenn Baldwin durchs Dorf geht, rufen die Kinder «Neger, Neger!», viele sind fasziniert von seinem Haar. «Man schlug mir im Scherz vor, ich solle es lang wachsen lassen und als Wintermantel benutzen», schrieb Baldwin im Essay «Stranger in the Village», der in Leukerbad entstand. Die Dorfbewohner sind nicht feindselig zu Baldwin; ein Schwarzer, und zwar einer, der nicht aus Afrika, sondern aus Amerika kommt, übersteigt schlicht ihr Vorstellungsvermögen.

So beobachtet Baldwin die naiv-erstaunten Reaktionen der Einheimischen wie ein Ethnologe – und macht sich grundsätzliche Gedanken: Der erste weisse Mann in einem afrikanischen Dorf müsse sich ähnlich vorgekommen sein wie er jetzt. Mit einem grossen Unterschied allerdings: Während der Weisse das Erstaunen der afrikanischen Eingeborenen als Huldigung nehme, treffe er selber hier auf Menschen, deren Kultur auch sein Massstab sei. Eine Kultur also, die ihn geformt hat und von der er doch ausgeschlossen ist. So wird ausgerechnet ein kleines Schweizer Alpendorf zum Brennpunkt der afroamerika-nischen Erfahrung per se – und das ist es auch, was «Wie ein Schaf in der Wüste» so hörens- und bedenkenswert macht.

Dass die Leute in Leukerbad zunächst annehmen, Baldwin ernähre sich nur von Bananen oder hinterlasse auf den Leintüchern schwarze Abdrücke, bringt den Amerikaner dazu, über das Konzept des natürlichen Rassismus nachzudenken. Denn die Vorurteile würden genährt von einer Kultur, die im Kern rassistisch sei, sagt Baldwin. Er staunt auch über jenen Brauch im Dorf, bei dem Schüler sich die Gesichter schwarz färben, Rosshaarperücken aufsetzen und Geld sammeln für die Mission in Afrika, um dort Eingeborene zu «kaufen» – das heisst, um sie zu bekehren.

Drei Mal besucht Baldwin Leukerbad zwischen 1951 und 1953. Als er das Dorf zum letzten Mal verlässt, ist der Roman «Go Tell It to the Mountain» fertig. Ein Meilenstein der afroamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Rolf Hermann und Michael Stauffer zeigen nicht nur, dass Baldwins Schweizer Episode sein Bewusstsein, was Rasse

und Kultur angeht, weiter formte. Sondern auch, was für ein von diesen Fragen unberührter Fleck die Schweizer Bergwelt damals war.

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Von Urs Hangartner | Erschienen im Kulturtipp

23 | 12

Der schwarze Mann in Leukerbad

Weggefährte von Martin Luther King und einer der geistigen Väter von Barack Obama: Der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin (1924–1987) vollendete in Leukerbad seinen ersten Roman «Go Tell It On The Mountain» und wurde damit zur wichtigsten afroamerikanischen Stimme des 20. Jahrhunderts. Das Hörspiel von Rolf Hermann und Michael Stauffer zeichnet Baldwins Schweiz-Aufenthalte zwischen 1951 und 1953 nach. Man hört seine Stimme und Erinnerungen von Walliser Zeitgenossen. Fremd fühlte sich Baldwin überall, ob in New York, im Pariser Exil oder im Wallis. Hier weilte er wiederholt, um konzentriert schreiben zu können. Auch an seinem Essay «Der Fremde im Dorf», worin er seine eigene Lebensgeschichte mit der Geschichte der Afroamerikaner verknüpft. Im 600-Seelen-Dorf begegnete man Baldwin nie feindselig; man staunte einfach ob der exotischen Erscheinung.

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Von Sebastian Glenz | Erschienen im Walliser Bote

05.Oktober 2012

Kultur | Die Schriftsteller Rolf Hermann und Michael Stauffer widmen sich James Baldwin

Der Dunkle in der weissen Landschaft Leukerbads

LEUKERBAD | James Baldwin war der bedeutendste afroamerikanische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er lebte auch in Leukerbad. Rolf Hermann und Michael Stauffer tragen dem Rechnung. Mit dem Hörspiel: «Wie ein Schaf in der Wüste».

Rolf Hermann, zusammen mit Michael Stauffer haben Sie ein wunderbares Hörspiel über James Baldwin realisiert. Wie ist es dazu gekommen?

«Ich lernte ein paar Texte von James Baldwin während meines Studiums kennen und war begeistert. Wusste damals aber nicht, dass sich Baldwin zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere in Leukerbad aufgehalten hatte.»

Wann stellten Sie fest, dass es eine Verbindung zwischen Baldwin und Leukerbad gibt?

«Erst ein paar Jahre später, als ich mich in Leukerbad vor einer Art Schaufenster wiederfand, das James Baldwin gewidmet war. Da stellte ich fest, dass Teile seines ersten Romans ‹Gehe hin und verkünde es vom Berge› und einer seiner bedeutendsten Essays ‹Ein Fremder im Dorf› in Leukerbad entstanden waren. Meine Neugier vervielfachte sich. Dann entstand ein Konzept, das Michael Stauffer und

ich dem SWR zukommen liessen und zum Glück erhielten wir postwendend die Zusage.»

Was verbindet Sie beide mit James Baldwin?

«Mit James Baldwin verbindet uns beide sicherlich das Schreiben als Beruf und Leidenschaft und die Hoffnung, dass durch das genaue Beobachten und Verschriftlichen dieser Beobachtungen Einsichten entstehen, die vielleicht zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und so zu mehr Toleranz führen. Gleichzeitig will ich mich aber keinesfalls mit James Baldwin vergleichen. Er tat das Seine, ich tu das Meine –und bewundere ihn und sein Werk.»

Wann reifte die Idee, ein solches Hörspiel zu produzieren?

«Gleich nach meinem Besuch in Leukerbad vor ungefähr drei Jahren, als ich auf Baldwins Aufenthalt aufmerksam gemacht wurde. Die Lektüre von seinem Essay ‹Ein Fremder im Dorf›, in dem er einerseits seine Anwesenheit in Leukerbad thematisiert und anderseits seine persönliche Situation auf vielschichtige und äusserst intelligente Art mit der Kollektivgeschichte der Afroamerikaner verknüpft, verstärkte diese Absicht noch zusätzlich. Zur Reifung der Idee haben schliesslich auch die Begegnungen mit den

Interviewpartnern Lucien Happersberger, der mit Baldwin ein Leben lang befreundet war, und Lorenz Possa, der Baldwin damals in Leukerbad das Skifahren lehren wollte, wesentlich beigetragen. Auch ihre Offenheit, ihr Esprit und ihr Vertrauen haben das Hörspiel zu dem gemacht, was es nun ist.»

Sie haben sich auf die Spuren James Baldwins begeben. Gab es überraschende Begegnungen?

«Beide Begegnungen mit Lucien Happersberger und Lorenz Possa waren eigentliche Glücksfälle. Es war mir eine Freude, mit ihnen insgesamt drei Tage zu verbringen. Ihnen beiden gebührt ein grosser Dank. Mit Lorenz Possa habe ich immer noch Kontakt. Lucien Happersberger ist leider vor zwei Jahren gestorben. Ihm ist das Hörspiel gewidmet.»

Das Hörspiel ist aufwendig produziert. Wie lange haben Sie am Werk gearbeitet?

«Die Vorbereitungen, das heisst die Recherchen, das Verfassen des Konzepts und des Fragekatalogs für die Interviews, beanspruchten rund drei Wochen. Die Interviews dauerten drei Tage. Die Auswertung der Interviewaufnahmen und die Manuskriptarbeit ungefähr sieben Wochen. Dann wurde das Hörspiel in zwei Wochen in Deutschland fertigproduziert. Insgesamt also gut drei Monate.»

Wo lagen die Schwierigkeiten?

«Die Schwierigkeiten stellten sich erst ein, als klar wurde, dass der Luzerner Verlag ‹Der gesunde Menschenversand› das Hörspiel herausgeben möchte. Plötzlich mussten Rechte abgeklärt werden, die vorhin, als das Hörspiel lediglich ausgestrahlt wurde, automatisch über Urheberrechtsgesellschaften abgegolten wurden.»

Was geschah dann?

«Es gab Verhandlungen mit den Nachlassverwaltern von Baldwins Texten in New York. Zudem musste die Erlaubnis zur Verwendung eines Interviews mit James Baldwin, das im Hörspiel insgesamt etwa vier Minuten dauert, aus Amherst, Massachusetts eingeholt werden. Das war aufwendig. Schlussendlich waren aber alle von der Bedeutung dieses Hörspiels überzeugt und haben teilweise äusserst grosszügig ihre Einwilligung zugesichert.»

Das Hörspiel ist auf Deutsch. Dennoch kommen mehrere Sprachen, auch Dialekt, zum Zug, die gelungen übersetzt werden. War das von Anfang an so geplant?

«Ja, das war von Anfang an so geplant. Baldwin spricht englisch, Lucien Happersberger französisch und Lorenz Possa walliserdeutsch. Es sollte ein Hörspiel werden, in dem über die sprachlichen und kulturel- len Grenzen hinweg miteinander kommuniziert wird und in dem eine gegenseitige Annäherung trotz unterschiedlicher

Herkunft möglich ist.»

Baldwins Leben ist eng mit Leukerbad verknüpft. Wie präsent ist Baldwin im Bäderdorf noch?

«Baldwin ist vielen Leukerbadnern immer noch sehr präsent, nur wenige aber wissen von seiner wahren Bedeutung. Zusätzlich zu seiner schriftstellerischen Arbeit, die ihn zum bedeutendsten afroamerikanischen Autor des 20. Jahrhunderts machte, engagierte sich Baldwin stark in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre. Baldwin war einer der wichtigsten Wort führer dieser Bewegung. Es gab Martin Luther King, es gab Malcolm X und es gab James Baldwin.»

Das Hörspiel erzählt nicht nur von Baldwins Leben in Leukerbad. Sondern ermöglicht auch einen Blick auf die Entwicklung des Dorfes.

«Leukerbad hat sich seit Baldwins Aufenthalten zu Beginn der 50er-Jahre stark verändert. Damals war es im Winter ein von der Umwelt weitgehend abgeschlossener Ort. Kurz: Der ideale Rückzugsort für einen, der alles daran setzen wollte, einen Roman abzuschliessen. Der Essay ‹Ein Fremder im Dorf› entstand parallel dazu. Dieser Text

ist ein einziger Glücksfall für Leukerbad, das Wallis und die Schweiz. Heute ist Leukerbad eine der wichtigsten

Tourismusdestinationen der Schweiz, die unter anderem alljährlich ein Literaturfestival mit internationalem Renommee durchführt. Schade, dass Baldwin vor 25 Jahren verstarb. Sonst könnte man ihn einladen – und zwar als Stargast dieses einzigartigen Festivals.»

Ist die Auseinandersetzung mit James Baldwin nun abgeschlossen oder sind weitere Projekte geplant?

«Die Auseinandersetzung mit Baldwin geht vorerst weiter. Zusammen mit der Regisseurin und Schauspielerin Barbara Maurer-Terpoorten bin ich daran, ein Theaterstück zu entwickeln, das im kommenden Januar im Zeughaus Kultur in Brig aufgeführt wird. Darin kommt auch James Baldwin vor. Als Gast in einer Jubiläumskochshow. Der Titel lautet: ‹The cook’s night out – Betty kocht mit Baldwin›. Das Publikum kann sich jetzt schon auf eine witzige und überaus verspielte Satire mit einigen Seitenhieben gegen die Gourmet-Gurgel freuen.»

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Von Simone Tanner | Erschienen im Bieler Tagblatt

23. Februar 2013

 

Ein Schwarzer in der weissen Wüste

 

Hörspiel 1951 weilte der afroamerikanische Schriftsteller

James Baldwin in Leukerbad. Zwei Bieler haben dies zum

Anlass für ein Hörspiel genommen. Ein eindrückliches

Zeitdokument und berührendes Porträt.

 

Eisig ist der Wind, der James Baldwin (1924–1987) im Jahr

1951 im verschneiten Leukerbad entgegenweht.

Ausgeschlossen, ungewollt, fremd. So fühlt sich der

afroamerikanische Schriftsteller im abgelegenen Walliser

Bergdorf, in dieser «weissen Wüste», in der man noch nie

zuvor einen Schwarzen gesehen hat. Die Kinder rufen ihm

«Neger» hinterher, und eine Nachbarin fürchtet, seine

schwarze Hautfarbe hinterlasse

Spuren auf der Bettwäsche.

 

So gross die Skepsis, so gross ist aber auch die Neugier für

den Exoten, der sich wie ein «lebendes Wunder»

vorkommt. Genau wie die Bergler ihn, studiert er sie und

kann ihre Weltfremdheit nur schwer nachvollziehen.

Baldwin, der gebildete Kosmopolit und Revolutionär,

aufgewachsen in New York, später in Paris wohnhaft.

Baldwin, der bedeutende Schriftsteller, der sich später an

der Seite von Martin Luther King in der

Bürgerrechtsbewegung engagiert und für die

Gleichberechtigung von Schwarz und Weiss kämpft.

Baldwin, den der US-Präsident Barack Obama als einen

seiner geistigen Väter bezeichnet.

 

Insgesamt dreimal besuchte Baldwin zwischen 1951 und

1953 Leukerbad, auf Einladung seines Freundes Lucien

Happersberger, den er in Paris kennengelernt hatte. Er kam

nach Leukerbad, um fern von der pulsierenden

französischen Metropole in aller Ruhe schreiben zu können.

Denn das Schreiben half ihm, «mit dem Chaos im Leben

zurechtzukommen». In Leukerbad beendete er seinen

Roman «Go Tell It on the Mountain». Und hier entstand

auch sein bekannter Essay «Stranger in the village»

(«Fremder im Dorf»), in dem er seine Eindrücke aus dem

Bergdorf niederschrieb und sie mit seinen philosophischen

Reflexionen über den Rassismus ergänzte.

 

Mordsgelungene Momente

 

Dieser Essay hat auch den in Biel wohnhaften Autor Rolf

Hermann beeindruckt. «Dass ich auf Baldwins Leukerbad-

Aufenthalt gestossen bin, war dann ein Glücksfall», sagt

er. Ein Glücksfall ist es auch, dass er sich gemeinsam mit

Michael Stauffer der Geschichte angenommen hat. Aus

ihren Recherchen und Interviews ist das Hörspiel «Wie ein

Schaf in der Wüste» entstanden. Es ist eindrückliches,

vielstimmiges Zeitdokument und berührendes Porträt in

einem.

 

Neben der Erzählerin, die uns einige biografische Daten zu

Baldwin liefert und auch ein paar zentrale Ereignisse der

Bürgerrechtsbewegung in Erinnerung ruft, sind in der

Stimmen- und Sound-Collage Originalaufnahmen des

Schriftstellers zu hören. Er liest Passagen aus seinem Werk

und erklärt, wie er sich schreibend über «die Dinge»

versuchte klar zu werden. Vor allem aber erinnern sich zwei

ehemalige Weggefährten an James Baldwin. Der Maler

Lucien Happersberger war Baldwin bis zu dessen Tod 1987

tief verbunden. Er ist es auch, der sagt, dass sein Freund

sich überall auf der Welt fremd gefühlt habe.

 

Lorenz Possa war 17, als er Baldwin kennenlernte. Abends

begab er sich in die Alpina-Bar, um den Fremden «aus der

Nähe anzuschauen». «Wir haben dann getanzt. Walzer

getanzt und so», erzählt Possa. «Er hat uns ausgelacht

und gesagt, das sei doch kein Tanz. Daraufhin hat er uns

seine rhythmischen Tänze vorgeführt. Das war

mordsgelungen!» In seiner Stimme schwingt der Stolz mit,

James Baldwin gekannt zu haben. Wenn es nach ihm ginge,

würde man die Gasse, die zu seiner Wohnung führte,

James-Baldwin-Gasse taufen – und ein Schild anbringen.

 

Info: Rolf Hermann, Michael Stauffer: Wie ein Schaf in der

Wüste: Als James Baldwin die Schweiz besuchte. Ein

Hörspiel. Der gesunde Menschenversand. Luzern 2012

Lesung bei der «Literarischen»

Die «Literarische Biel» präsentiert die szenische Lesung

(gekürzte Version des Hörspiels) am Mittwoch, 27. Februar,

um 19 Uhr, im UFO an der Untergasse 21 in Biel.

Es lesen der Autor Rolf Hermann sowie die beiden

Schauspieler Walter Küng und Siegfried Terpoorten.

Gezeigt wird zudem ein Film des Westschweizer

Fernsehens mit Originalaufnahmen Baldwins bei einem

Besuch in Leukerbad. sit

 

 

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Von Simon Messerli | Einführung der Lesung in Biel

27. Februar 2013

 

Guten Abend und willkommen zur szenischen Lesung mit Rolf Hermann, Walter Küng und Siegfried Terpoorten.

Zusammen mit Michael Stauffer hat sich Rolf Hermann auf

Spurensuche ins Wallis begeben. Entstanden ist das

vielstimmige Hörspiel “Wie ein Schaf in der Wüste: Als

James Baldwin die Schweiz besuchte.“          

Mit “der Schweiz“ ist ein Land knapp zwanzig Jahre vor der

Schwarzenbach-Initiative und das vortouristische

Leukerbad gemeint; ein Bergdorf, das im Winter

weitgehend eingeschlossen ist; in dem es weder ein Kino,

eine Bibliothek noch einen Skilift gibt. In diese “weisse

Wüste“ aus Schnee und Eis zieht sich James Baldwin

zwischen 1951 und 1953 dreimal zurück, um ungestört

seinen ersten Roman “Go Tell It on the Mountain“

fertigzustellen.

 

“James Baldwin“: Ein junger Schriftsteller, welcher der wohl

bekannteste afroamerikanische Autor des vergangenen

Jahrhunderts, eine der einflussreichsten Stimmen der US-

amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, Weggefährte von

Martin Luther King und einer der geistigen Väter von

Barack Obama werden sollte.

 

Die Leukerbader nehmen Baldwin als namenloses “lebendes

Wunder“, als “exotische Rarität“ wahr, begegnen mit

Faszination und Verwunderung dem Fremden, dem ersten

dunkelhäutigen Menschen, den sie in ihrem Leben je zu

Gesicht bekommen haben. Wenn Baldwin durch das Dorf

spaziert, rufen die Kinder “Neger, Neger“, die Bergler

betasten ihn und sind erstaunt, dass sich die Haut seiner

Hand nicht abfärbt, wenn sie sie berühren. Dem Fremden

wird vorgeschlagen Bananen zu essen und sein Haar lang

wachsen zu lassen, um es als Mantel zu benutzen.       
Während des Karnevals malen sich Kinder ihre Gesichter

schwarz an und sammeln Geld für die Missionare in Afrika.           
Und im Takt der Spendermünzen nickt und dankt in der

katholischen Kirche eine kleine schwarze Figur.

 

Ausgehend von solchen Erfahrungen verfasst Baldwin in

der Langen Weile Leukerbads, während der das Dorf in der

Tiefe der Nacht verschwindet, den Essay “Stranger in the

Village“ / “Der Fremde im Dorf“.        
Mit dichtem Blick betrachtet er die ungeheuerlichen

Vorurteile einer Kultur, deren innerer Knoten rassistisch

gestrickt ist: Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann?

Von den weissen Schneeflöckchen Leukerbads aus

beschreibt Baldwin den epochalen Winter, der mit einem

die Kolonie Jamestown am 20. August 1619 erreichenden

Schiff beginnt – die ersten schwarzen Sklaven wurden auf

den eroberten Kontinent verfrachtet. 

       
Der Aufenthalt in Leukerbad wird für Baldwin zur

Identitätsfrage, zur Verknüpfung seiner Geschichten mit

der Kollektivgeschichte der AfroamerikanerInnen. So fremd

er in New York eingezogen war, so fremd bleibt er im

weissen, westlichen Machtgefüge, das die abgelegensten

Bergdörfer überdeckt. Zwischen den Leukerbader Kindern,

die “Neger!“ rufen und denen New Yorks, die “Nigger!“

schrien, tut sich der Abgrund auf, den Baldwin die

amerikanische Erfahrung nennt. Weisse Eisberge, von

denen die unbefleckten, von der Geschichte der Sklaverei

Amerikas nicht berührten Bergler, nichts ahnen.

 

In Rolf Hermanns und Michael Stauffers Hörspiel erinnern

sich neben James Baldwin Lucien Happersberger und Lorenz

Possa an die Leukerbader Zeit.       
Als Baldwin mit Happersberger die Dorfstrasse herauf

spaziert, ist Lorenz Possa 17 Jahre alt und besucht die

Berufsschule in Visp. Der Schreiner und Skilehrer erinnert

sich an die Neugier, den Fremden aus der Nähe

anzuschauen und daran, wie er Baldwin später das

Skifahren beibringen wollte.         

Lucien Happersbergers Erzählerstimme gibt uns Einblicke ins

Leben seines Weggefährten “Jimmy“: Die beiden lernten

sich in Paris kennen und blieben ein Leben lang miteinander

befreundet. Happersberger war es, der Baldwin in eine

kleine Wohnung nach Leukerbad einlud. Mit intimer Distanz

spricht er über die Gläser, die sie zusammen getrunken

haben und über Leukerbad als Ort, wo Baldwin konzentriert

versuchen konnte, sich über die Dinge und das giftige Herz

der Dinge klar zu werden. Happersberger erzählt: „Es hat

überhaupt keine Probleme gegeben. Keinen Streit. (…) Viel

besser als an anderen Orten.“

 

Baldwin empfindet das Verhalten der Bergler als Ausdruck

eines naiven Erstaunens, denn im Grunde existierte der

Schwarze als Person für die unbefangenen Europäer nicht.

Die Leukerbader erscheinen ihm nicht feindselig, oftmals

meinen sie es freundlich und Baldwin erkennt, dass sie im

Unwissen darüber sein mussten, welche Echos das Wort

“Neger“ bei ihm auslöste.  

Mit dem Kontakt Baldwins mit Leukerbad und der

beidseitigen Neugierde bildet sich eine Folie, durch die das

sogenannte Eigene mit dem sogenannten Fremden gedacht

werden kann. In Rolf Hermanns und Michael Stauffers

Hörspiel tanzen die Perspektiven ein eigen- und

fremdartiges Stück: Laute gehen ineinander über,

Sehweisen geraten in Bewegung: Baldwin spricht Englisch,

Happersberger Französisch und Possa Walliserdeutsch. Die

mehrsprachige Collage lässt fremde Stimmen über die

sprachlichen und kulturellen Grenzen hinweg einander

begegnen, ja vielleicht sogar ineinanderfliessen.         

 

Parallel zur szenischen Lesung werden Ausschnitte eines

Films des Westschweizer Fernsehens von 1962 über James

Baldwins Aufenthalt in Leukerbad projiziert.

 

Ich freue mich auf diese multimediale Begegnung.