Kartographie des Schnees. Gedichte.
Luzern: Der gesunde Menschenversand:
2014.

[Rezensionen]

Von Manfred Papst | Erschienen in NZZ am Sonntag

19. Oktober 2014

Kopfüber fallen wir

Rolf Hermann kommt aus Leuk. Inzwischen lebt er in

Biel. Der 1973 geborene Autor hat sich als Lyriker,

Essayist sowie mit Produktionen fürs Radio und fürs

Theater hervorgetan. Er ist ein lebhafter, rühriger

Mensch. Als Dichter jedoch pflegt er - durchaus in

der Tradition Robert Walsers - den Gestus des

Verschwindens. Nur drei Lyrikbände hat er bisher

herausgebracht. Aber die haben es in sich. Die ersten

illustrierte der Autor noch mit Montagen aus Fotos

und Ikonen der Kunstgeschichte, die er mit witzigen

Titel versah. Nun ist er noch einen Schritt weiter-

gegangen. In den fünf Illustrationen zu seinem neuen

Gedichtband sehen wir bloss noch einen Mann im

weissen Overall, der mit der Farbrolle berühmte

Gemälde übermalt. Tiefsinniger als diese etwas

plakative Inszenierung sind Rolf Hermanns neue Verse.

Sie bestätigen den Rang dieses eigensinnigen Lyrikers.

Er sieht sich als Wesen ohne Bestand. Seit ihm im

linken Auge der Wasserpegel steigt, vermehren sich

die Jahresringe im Sekundentakt. Wenn die Schwermut

ausser Kraft gerät, gewinnen die Fluchtlinien und selbst

die Luft an Kontur. Im Kopf häufen sich die Wendel-

treppen. - Von Tübingen und Paris erzählen diese

Sprachgebilde, in sparsamen, exakten, wunderbaren

Worten. "Kopfüber fallen wir in die Sprache": Genau

so ist es.

***

Von Beat Mazenauer | Erschienen in 041 kulturmagazin

November 2014

So weiss der Schnee

Auf Schweizer Bühnen ist Rolf Hermann als Mitglied
der «Gebirgspoeten» bekannt, der Walliser schreibt seit
Jahren aber auch Lyrik. In seinem dritten Gedichtband
«Kartographie des Schnees» spielt er collageartig mit
Bildern und Zeichen, die mit etwas Geduld in Staunen
versetzen.

Der Walliser Rolf Hermann ist ein Gebirgspoet, der auch in

der Fläche gut zurechtkommt. Zum einen wohnt er in Biel

am Rand des Mittellandes, zum zweiten betätigt er sich in

den Vignetten des neuen Gedichtbands als «Flachmaler».

Unter Pseudonym übermalt er Klassiker der Ölmalerei mit

Farbroller und weisser Dispersion (Bild). Dem Tun entspre-

chend zitiert der Band im Vorspann einen Satz in Weiss:

«Bald wird es schnein, –». Ein Satz, der mit letzter

Gewissheit Friedrich Nietzsche zuzuordnen sei. Wer
immer einen Philosophen zitiert, auf den färbt dessen

Philosophie ab, darauf zielt offenkundig auch Rolf Hermann

– freilich mit ironischem Zwinkern.

Um Schnee geht es, wie der Buchtitel signalisiert, genauer

um eine «Kartographie des Schnees». Die Schweizerische

kartografische Gesellschaft – deren Herbsttagung

notabene am 7. November in Luzern stattfindet – definiert

den Begriff Kartografie als ein «modellhaftes Bild der Welt»

in Kartenform. Darin enthalten sind Informationen zu

topografischen, meteorologischen oder gesellschaftlichen
Sachverhalten. Senkt sich Schnee drauf, verschwinden
diese Informationen jedoch unter einer sanften Decke in
Weiss. So ungefähr liesse sich der grundlegende Zwiespalt

beschreiben, oder kartografieren. Ein «vor wort»

akzentuiert dies Gesagte:

«und tief im inneren ohr
wo die graviernadel wandert


narben des schnees
narben des»

Der spitze Gegenstand, der durchs Trommelfell sticht,

erzeugt Stille, Taubheit, ein weisses Rauschen der Angst …

Vergleichbares bewirken diese Gedichte, deren Gemeinsam-

keiten in einem Faible für Winterweiss und für komplexe

lyrische Strukturen bestehen. Mit letzteren erweitert Rolf

Hermann das poetische Programm seiner ersten beiden

Gedichtbände. Hinzu kommt auch eine topografische

Ebene. Zahlreiche der Gedichte sind konkret verortet, in

schwäbischen Ortschaften, in Pariser Strassen oder,
auch das, auf Youtube:

«we were trapped for like
seven hours
auf youtube
unter anderem
snowmageddon
stochern viele pupillen»

Das Erzählerische, Anekdotische der früheren Gedichte

wurdehier aufgegeben zugunsten einer Collageform, die

Bilder, Zeichen und Signale zu neuen Mustern fügt.

Leitmotiv ist der Schnee, als stiller Teppich oder im

wirbelnden Rauschen des Blizzards. Die lyrische Optik

vervielfacht sich, es schieben sich harte Brüche,

scharfe Kanten und schiefe Ebenen ein, Trompe-l'oeil-

Effekte werden erzeugt. Der Autor fordert von seinen

Leserinnen und Lesern, dass sie selbst hineinfinden in diese

Zeilen. Subjekt, Verb und Objekt passen nicht mehr

selbstredend aufeinander, sondern markieren Um- und

Abbrüche, die es zu überbrücken gilt. «ins präsens ich war

ich bin / mit dir mit mir noch lang nicht fertig».


In dieser rhythmisch losen, von Interpunktion befreiten

Form appellieren Rolf Hermanns Gedichte weder an ein

voreiliges «Ein-Verständnis» noch an einen vergnügten

Spass. Die «Kartographie des Schnees» spielt mit dem

Staunen und Rauschen, mit Zitaten und Einsprengseln, mit

der tröstenden Weissheit des Schnees. Wer sich einen

Reim drauf machen will, wird mit Geduld und Gespür fündig.

So weiss wie Schnee (pdf - 254 KB)

***

Von Alexander Sury | Erschienen in Der Bund

20. Dezember 2014

Vom Liegen auf den «rändern einer halbierten walnuss»

 

Geschärfte Sinne im Ungefähren:

Der in Biel lebende Lyriker Rolf Hermann

vermisst in seinem neuen Gedichtband

eine winterweisse Welt.

 

Paris, der Bahnhof St. Lazare im Winter. 

Das Gebäude, ein «rostiger trägermund /

in den januar getaucht». Die Menschen,

«Seefahrer» gleichend in diesen kurzen

Tagen: «sie pendeln zwischen kontinen-

ten der nacht». Und die Erkenntnis: «mit

der kälte mit / dem schnee ist vieles /

dunkler geworden (...)». Oder ein an-

derer Ort, der Friedhof in Tübingen,

Hölderlins Grab ist nicht weit, Schnee

liegt auf den Gräbern: «unter der

erde ruht / ein himmel unbehauen /

als findling». Der Kartograf vermisst

die Welt und bildet die Topografie –

Gelände, Erhebungen, Gewässer –

modellhaft auf Karten ab. Wenn sich

aber die weisse Decke über die Land-

schaft legt – Spuren verwischt und Unter-

schiede einebnet, dann wird die vermes-

sene Welt wieder unberechenbar und wo-

möglich fremd.

 

Unsere Sinneswahrnehmungen sind

eingeschränkt: Alles ist akustisch ge-

dämpft, farblich reduziert, Konturen ver-

wischen. Wer will eine solche scheinbare

Sisyphusarbeit auf sich nehmen und den

Schnee zu kartografieren versuchen?

Nun, ein Dichter, ausgestattet mit feinen

Antennen und einer auch das Disparate

– Innenwelt und Aussenwelt, Konkretes

und Abstraktes – in flirrender, flüchtiger

Gestalt zusammenführenden Sprache

könnte dieser Aufgabe gewachsen sein.

Rolf Hermann ist ein solcher Dichter

und dem Collagenkünstler, der er auch

ist, weit überlegen.

 

Wieder zieren nämlich das Buch im

edlen, hellgrauen Leineneinband einige

Collagen mit Montagen von Fotos be-

kannter Kunstwerke. «More White»

heisst die Serie eines fiktiven Malers. Im

Vordergrund steht ein Mann im weissen 

Arbeitskleid, der dem Betrachter den

Rücken zuwendet und mit Farbroller

und Dispersionsfarbe daran ist, die Bil-

der zu übermalen.

 

Als Lyriker sei er ein «Maulwurf», hat

Rolf Hermann einmal zu Protokoll gege-

ben, er lebe ein von Euphorie und

Selbstzweifeln begleitetes «Unterweltsda-

sein». Dabei ist der 41-jährige Walliser, der

seit längerem in Biel lebt, ein Schriftstel-

ler mit vielen Facetten. Er schreibt Hör-

spiele und fürs Theater, ist Mitglied des

Spoken-Word-Trios «Die Gebirgspoeten»

und auf diesen Feldern überhaupt kein

Kind von Traurigkeit.

 

Als Lyriker spürt Hermann in seinem

dritten Gedichtband in freien Rhythmen

und syntaktisch kühn gebauten Wort-

schlössern mit gelassenem Schrecken der

Vergänglichkeit nach. Er ist ein Poet, der

bewohnbare Gebäude aus Wolken schafft

und der weiss: «nirgendwo liegt es sich

besser / als auf den rändern / einer hal-

bierten walnuss.

 

Rolf Hermann: Kartographie des Schnees.

Gedichte, Edition Der gesunde Menschen-

versand, Luzern 2014, 80 S., 27.90 Fr,

Rolf Hermann.

VomLiegen (pdf - 149 kb)

***

Von Rolf Hubler | Erschienen im Bieler Tagblatt

22. November 2014

Snowmageddon

Rolf Hermanns neuer Lyrikband «Kartographie des

Schnees»

Die Kartographie ist eine exakte Wissenschaft. Sie vergisst

kein Haus, keine Strasse, keinen Berg. Ihre Massstäbe und

Höhenlinien sind genau und nachvollziehbar. Ihr

Zeichensystem ist, anders als jenes der Sprache,

unmissverständlich. Kümmerli und Frey: schweizerische

Schraffierkunst, auf die sich Orientierungsläufer verlassen

können. Wenn die Kartographie die Welt vermisst, findet

man sich in ihr – der Welt – zurecht, und man kommt nicht

vom Weg ab. Nie.

Gräber, Kräne, Steppen

Im neuen Gedichtband von Rolf Hermann scheitert die

Kartographie an ihrem Unter­suchungsgegenstand. Das

heisst dann im Umkehrschluss, in dieser Welt findet man

sich nicht wirklich zurecht. Das Schneiele und Beiele hat

etwas Ungemütliches. Nichtzurechtfinden und Schnee, das

ist naheliegend: Der Schnee bricht die Konturen, verdeckt,

was ist, er schluckt auch die Geräusche, und er reduziert

das Farbspektrum.

Über den Zeilen in Rolf Hermanns Gedichtband liegt oft

Schnee, nicht üppig viel, aber ausreichend, um sich nicht

wohlig, satt und anspruchslos zuhause zu fühlen. Und es

ist oft kalt in dieser Schneewelt, die Materie, die (noch)

sichtbar ist, wärmt nicht: Gräber, Kräne in Novosibirsk,

deckungslose Agrarsteppen, knöcheltiefer Schlamm.

Obwohl ein technisches Arsenal aufgefahren wird, von der

Graviernadel über das Mikroskop bis zu Bits, wirken die

Mittel, die beim Vermessen resp. Abbilden helfen sollten,

wie fremde Versatzstücke. Und die Mittel werden ihrem

ursprünglichen Zweck entzogen, sie werden in eine von

Synästhesien durchzogene Welt transponiert, in der die

Augen hören und die Ohren sehen. In einer Umgebung, in

der die Sinne dergestalt umgeschärft sind, verlieren die

üblichen Verdächtigen, die die Welt erklären helfen sollen –

Fliessgeschwindigkeit, Schmelzpunkt, Belichtungszeit,

Herzfrequenz  – ihre Funktion. Die Technisierung pirscht

sich zwar bis in die einzelnen Worte vor, sie entert

gleichsam die Natur («wolkengetriebe»), aber sie kann sich

nicht behaupten, sie wird von den Dingen, die älter sind als

die Technik, aufgelöst, vereinnahmt, gefressen,

umfunktioniert, einem grösseren Ganzen einverleibt.

Wo ist die «rue blanche»?

Bei Rolf Hermann sind Physik und Zeit ausser Rand und

Band. «überkopf der himmel ruht unter der erde» oder

«gestern kam ich im schneegestöber zur welt / heute bin

ich vierzig jahre alt (…) morgen werde ich

zweiundachtzig» – Was der Orientierung dienen könnte,

wird verwischt, oben ist unten, ein Jahr ist eine Sekunde,

Schnee ist schwarz. Die Syntax wird ebenfalls in

Mitleidenschaft gezogen, was eigentlich in die Zukunft

weisen müsste, wird mit einem Imperfekt versehen

(«dereinst ästen die rinder»); Worte, die eigentlich

gesetzt gehörten, werden ausgelassen oder vergraben

oder überschneit: «möge er sanft» – das «ruhen» ist

gleichsam unter der weissen Seite verschwunden, als

hätte es ins Gedicht, über das Gedicht geschneit.

Die Überschriften über den Gedichten gaukeln zumindest

eine geographische Verortbarkeit vor, es gibt eine Reihe

mit «deutschen» Ortsanhaltspunkten wie Offenbach,

Schwarzwald, oder eine Reihe mit «französischen«

Ortsanhaltspunkten wie «rue de rivoli», aber wo ist die

«rue blanche», und wo die «alleenbrücke»? Was so

aussieht, als könnte man sich daran festhalten, wird

demontiert. Es gibt auffällig viele, über das ganze Buch

verteilte Reduktionen, Verkleinerungen, Dämpfungen,

Kürzungen. Es soll nur ja nichts zu mächtig oder zu laut

werden. Die von Rolf Hermann mit den Mitteln der Sprache

kartographierte Welt ist fast leer, das Weltinventar ist

äusserst karg. Die Beschleunigung und das Wachstum,

denen die halbe Welt das Wort redet, und denen die

andere halbe Welt gezwungen ist, nach dem Mund zu

reden, gerät in diesem schmalen Bändchen arg ins

Stottern. Dafür wird das, was noch zu fassen ist,

«akribisch» genau notiert: «was nicht nachweisbar ist /

zurre ich am stimmband fest».

Frau Holles Puderdose

Was bleibt? Das Gefühl des Widerstands gegen scheinbar

vorgegebene Konventionen, auch jene der Sprache. Eine

Art Musik, man denkt sich Chopin, wenn «der Schnee leise

rieselt», aber hier sind die Komponisten die Krähen,

Schneeprofis erster Güte, «weich ins notenblatt gestanzt /

löst ein krähenschwarm / die dreifache naht». Die Krähen

untermalen nicht, sie lösen auf. Sie sind keine eingängige

und passende Unterhaltungsmusik, sie lösen die Welt, wie

sie ist (und mag sie auch dreifach gesichert sein) auf.

Und was natürlich auch bleibt, ist der Schnee. Er reinigt

die Luft, und den Blick. «Snowmageddon», diese Flocke

lässt Rolf Hermann einmal fallen. Ein leiser, bescheidener

Untergang der Welt, der nichr krachend mit

Jerichotrompeten aus der Bibel geschüttelt wird, sondern

sanft und doch eindringlich aus den Puderdosen von Frau

Holle.

Snowmaggedon (pdf - 1.3 MB)

 

***

Von Sebastian Glenz | Erschienen im Walliser Bote

30. Oktober 2014

Literatur | Rolf Hermann legt seinen dritten Band «Kartographie des Schnees» vor. Buchtaufe ist am Freitag in Leuk


Die Welt als Luftwiderstand


LEUK/BIEL | Wer schreibt noch Lyrikbände? Beispielsweise der Walliser Schriftsteller Rolf Hermann. Er bleibt sich in seinem neuesten Werk treu – und spielt.


Man kann Gedichttexte lesen und beiseite legen. Rasch und ohne grosses Federlesen. Das funktioniert bei Rolf Hermann nicht. Er verwirrt mit seinen kurzen Texten.

Sie sind nicht leicht zugänglich –und doch tun sich Bilder auf vor dem inneren Auge. Je öfter man die Gedichte liest, desto mehr Anspielungen, Doppeldeutigkeiten und Tiefsinniges entdeckt man – «und sie lassen auch Raum

für das Schweigen», sagt Schriftstellerin Barbara Traber
über die Texte Hermanns.

Konturen des Daseins und der
Vergänglichkeit


«Kartographie des Schnees» nennt Hermann seinen dritten Lyrikband, in dem er die Konturen seiner Welt, seiner
Wahrnehmung darstellt. Dabei zeichnet er nicht nur die Oberfläche nach, sondern taucht in die Tiefe ein. Er spielt mit Worten, Sätzen. Hermann komponiert, schafft Wortschöpfungen, Brüche und kreiert Bilder. Das kommt nicht von ungefähr, sondern durchzieht seine bisherige
Arbeit. Der in Leuk geborene und in Biel wohnhafte Dichter schreibt Lyrik, Prosa, Spoken-Word-Texte sowie für Radio und Theater. Hermann ist zudem Mitglied des Spoken-Word-Trios «Die Gebirgspoeten» und der Theatergruppe «Sempione-Productions».


Wort- und Textspielereien


Doch wie kann man seinen Stil beschreiben? Der Autor schreibt folgende Gedichtzeilen: «keine erzählung geht

uns je voraus, mit einer schaufel grabe ich die wurzel frei.» Das passt. Hermann reiht scheinbar Zufälliges aneinander, auf den ersten Blick irritiert diese Vorgehensweise, auf den
zweiten Blick eröffnet sich die Weite der Welt – oder des Todes, wie im Kapitel «blinde flecken». «unter der erde
ruht ein himmel unbehauen als findling», schreibt er da und spricht das aus, was den neuesten Band prägt.

Rolf Hermann verbrachte 2010 drei Monate als Stadtschreiber im ehemaligen Aufsehergebäude des Tübinger Stadtfriedhofs. Dort widmete er sich neben anderem dem Thema Tod.

Dieser Einfluss ist im Band «Kartographie des Schnees» unverkennbar.

«und dann gehen die eltern
und dann gehen die kinder
und dann gehen die enkel
auf dem viehwaidle dereinst
ästen die rinder»

Vergänglichkeit als Thema. Doch nicht nur. Es folgen im Kapitel «zickzackgeflimmer» Wegbeschreibungen, in denen
der Dichter «kopfüber in die sprache fällt», wie beim Gedicht «rue des archives».

«am rand jedes satzes
hängt ein spiegel

in dem ein alter
köter golden

retriever eine
drehtür anheult»

Und doch ist auch hier der Tod allgegenwärtig.

Rolf Hermann legt mit «Kartographie des Schnees» einen interessanten Gedichtband vor, der sich voller Sprachlust der Endlichkeit des Lebens widmet und in dem die Beobachtungen des Schriftstellers präzis und in Hermann’scher Sprach-Eigenheit wiedergegeben
werden.

Die Welt als Lufwiderstand (pdf - 292 KB)

 

***

Von Helge Noack, Leiterin Hölderlinturm Tübingen

Anlässlich der Buchvernissage vom 20. November 2014

 

Rolf Hermann: „Die Kartographie des Schnees“

Auch heute wie vor vier Jahren wohnt Rolf Hermann im

Aufseherhäuschen im Stadtfriedhof. Es hat seiner guten

Laune keinen Abbruch getan. Wenn ich an den Dezember

2010 und seinen Besuch zurückdenke, denke ich an seine

stete Bereitschaft zu lachen und sich seinem Gegenüber

aufmerksam zuzuwenden.

Wie schön zu lesen, als ich ihm vor kurzem eine Mail

schrieb, dass das Heimweh nach Tübingen an ihm zerrt.

Woran liegt´s?

In einem ersten Entwurf hieß eines der in Tübingen entstandenen Gedichte:

ich wohne am friedhof

Darin stehen die Zeilen:

wieso habe ich diese gedichte nicht schon früher gelesen

in denen tübingen der endlichkeit ein bein stellt.

& die dämmerung als bettler verkleidet

auf der stiege liegt weil in der hafengasse

ein paar ernste studenten gelbe zettel verteilen

über sinn und unsinn des menschlichen seins

Im nun veröffentlichten Buch heißt das Gedicht nun:

transitorische coda. Wie wäre das zu übersetzen?

Vorübergehender Ausklang? Gestrichen hat Rolf Hermann

die Zeile: „in denen tübingen der endlichkeit ein bein

stellt“. War ihm die Ortsnennung plötzlich zu intim? Oder

hat Rolf Hermann etwa festgestellt, dass es auch andere

Orte gibt, wo der Endlichkeit ein Bein gestellt wird? Ich

lebe jetzt seit gut 20 Jahren in dieser Stadt – und kann mir

das gar nicht vorstellen. Und selbst wenn das der Grund

für die Streichung der Zeile gewesen sein soll, bin ich

sicher, Rolf baut die Worte zumindest gedanklich wieder ein

nach einer Nacht am Stadtfriedhof oder einem Gang übers

Tübinger Kopfsteinpflaster.

Zum Zwiebelschneiden wird er nicht kommen wie vor vier

Jahren, als er die groteske Situation erlebte, mit Tränen in

den Augen wegen des scharfen Geruchs am Fenster des

Aufseherhäuschens zu stehen – und just in dem Moment

hinauszuschauen, als ein Leichenzug vorbeikommt. Da

werden aus den Zwiebeltränen Lachtränen, die die

Trauergemeinde hoffentlich nicht gehört hat…

in gedanken wohne ich nur noch selten in mir

sondern starre auf das frisch angelegte grab

schreibt er weiter.

Da klingt schon viel von der Nachdenklichkeit an, die den

Ton des neuen, dritten Bandes ausmacht. In der

Zwischenzeit scheint er jedenfalls in sich zurückgekehrt zu

sein. Viel Leben und Erleben fand lesbar in den

vergangenen vier Jahren statt, das Nachsinnen über die

verfließende Zeit, die nicht immer von reinem Schnee

gnädig bedeckt wird, hört man hier: Jetzt heißt es:

ich beschäftige mich

mit immer weniger dingen

Die Sprach- sind es Spielereien? Oder doch besser

Sprachernsthaftigkeiten? prägen „wie gewohnt“, möchte

ich schon sagen, seinen Stil. Das Buch beginnt nicht etwa

mit einem Vorwort sondern mit einem „vor wort“. Und

schon beginnt das Aufmerken: Was liegt vor dem Wort?

Genau – das Nachdenken darüber, das Suchen nach

demselben: „narben des“ … Worin verliert sich das „vor

wort“ –  im „Wolkengetriebe“, wie das erste Kapitel

überschrieben ist? Unter der weißen Wandfarbe, mit dem

die Ölgemälde von einem uns den Rücken zukehrenden

Maler im Arbeitsanzug überstrichen werden? Tief im inneren Ohr?

Das erste Gedicht führt uns in eine Landschaft:

verregneter landstrich, unwegsames gelände

und in die Erkenntnis oder das Bedauern:

was habe ich sonst zu bieten

als meine sinkende herzfrequenz

„Meine Waldläufigkeit“ ist der Titel. Die Weltläufigkeit

denken wir sofort mit, ausgebremst wird sie durch die

Anbindung an eine konkrete Landschaft. Hier ist es

Norwegen. Gereist ist Rolf Hermann also. In Paris war er,

kurz nachdem er Tübingen verlassen hatte. Doch zuhause

fühlt er sich anscheinend in den „kleinen Orten“, da genügt

ihm der „Rand einer halbierten Walnuss“.

Leise Töne, wie von Schneehauben gedämpft, in

tastendem Ton, hörbar einen winzigen Schritt jenseits des

jugendlichen Ungestüms. Und selbst wenn youtube als

Überschrift eines der letzten Gedichte ins Spiel kommt, die

Bilderfluten aus dem Netz in Wortkaskaden wiedergegeben

werden, tauchen wieder der Schnee und die Stille auf.

Vergänglichkeit, Stille, Schnee, Fragen, die auch nach dem

Nachwort, das sich konsequenterweise „nach wort“ nennt,

bleiben:

ob ich hier bin oder ob ich nicht hier bin

Heute sind wir froh, dass Rolf Hermann hier ist und liest und heißen ihn sehr herzlich willkommen.

 

***

Von Simon Messerli, Co-Präsident der Dilit Biel

Anlässlich der Buchvernissage vom 26. November 2014

Listen and you’ll see

Guten Abend und herzlich willkommen zur Bieler

Buchvernissage von Rolf Hermann.

Dem Filmpodium möchte ich herzlich für die warme

Gastfreundschaft danken.

Ich freue mich sehr, dass Rolf Hermann uns heute in seinen

neuen, seinen dritten Gedichtband ‘Kartographie des

Schnees‘ entführt. Zudem stellt er seine Erzählung

‘Flüchtiges Zuhause‘ vor, performt einigeSpoken-Word-

Texte auf Walliserdeutsch und zeigt einen Teil seiner

Collagen.

“Bald wird es schnein“.

Dieser Satz könnte als harmlose Wettervorhersage an

einem Mittwochabend einem Meteorologen leicht und

flockig über die Lippen kommen. Der Wetterfrosch gäbe die

detaillierteren Informationen weiter: Auf der Alpennordseite

läge die Schneefallgrenze zwischen 900 und 1000 Metern.

Die Grenzen wären klar, definiert:

Mit der Schneefallgrenze würde eine Höhe angegeben, bei

der das Verhältnis zwischen Schneeflocken und

Regentropfen 50 50 ist.

Die Schneegrenze dagegen bezeichnete die Höhenlage, wo

der Schnee am Boden liegen bleibt. Diese läge in der Regel

50 bis 200 Meter höher als die Schneefallgrenze. Der

Rahmen und die Gebiete für den fallenden Schnee wären

vorprogrammiert, unmissverständlich: Mit Schnee bis in

unsere Niederungen ist hier nicht zu rechnen.Und sollten

Sie von den Informationen etwas verpasst haben: Kein

Problem, im Netz könnten Sie es nachlesen.

“Bald wird es schnein, -“.

Bei Rolf Hermann geht diese Aussage dem neuen Lyrikband

nicht als abgeschlossener Satz voraus. Am Ende steht kein

Punkt, sondern ein Komma, ein Gedankenstrich und ein

Gänsefüsschen. Darunter der Verfasser des Ausschnitts.

Nein, Thomas Bucheli ist es nicht.

Die Charakteristika des Schnees in Rolf Hermanns neuem

Lyrikband sind nicht in einem meteorologischen Lexikon

auffindbar. Mit diesem Schnee lassen sich weder

Schneemänner bauen, noch kann man ihn distanziert aus

der warmen Stube heraus beobachten.

Dieser Schnee duldet sich nicht als zusammengepresstes

Material, auf dem man einen gepisteten Hang im

Schwarzwald hinuntersausen kann. Der Schnee in dieser

Welt ist kein Gebrauchsgegenstand, man findet sich in ihm

trotz Anleitungen nicht wirklich zurecht. Die Anleitungen,

die Semantik oder Syntax sind selbst überschneit, verlieren

ihre Eindeutigkeit. Dieser Schnee fällt tiefer als der Tag

gedacht. Er dringt in unsere Schuhe, überdeckt in der

Nacht kartographierte Landschaften, legt sich über die

scheinbar genau ausgemessene Welt. Er mutet an wie ein

kaum wahrnehmbarer, dystopischer Schleier, der leibhaftig

über den Dingen und in uns liegt.

Dieser widerspenstige Schnee legt Strassen lahm und zieht sich über unser flüchtiges Zuhause. Er legt unterschiedliche Bedeutungen frei, spielt in Friedhofsschuhen mit dem Tod, schält die angekündigte Zeit und lässt kopfüber der Sprache seine Rätsel.

“Bald wird es schnein, -“.

In Friedrich Nietzsches Herbstgedicht “Vereinsamt“ steht

ein lyrisches Du einer ihm entfremdeten Welt gegenüber.

Die Dinge, also auch die Sprache, erscheinen ihm nicht

mehr fraglos, sondern äusserst fragwürdig. Was zur

Bemassung und Orientierung hinhalten könnte, schmilzt

weg.

Rolf Hubler hat dies wunderbar beschrieben.

Ich zitiere: “Über den Zeilen in Rolf Hermanns Gedichtband

liegt oft Schnee, nicht üppig viel, aber ausreichend, um

sich nicht wohlig, satt und anspruchslos zuhause zu

fühlen. Und es ist oft kalt in dieser Schneewelt, die

Materie, die (noch) sichtbar ist, wärmt nicht: Gräber,

Kräne in Novosibirsk, deckungslose Agrarsteppen,

knöcheltiefer Schlamm.

Obwohl ein technisches Arsenal aufgefahren wird, von der

Graviernadel über das Mikroskop bis zu Bits, wirken die

Mittel, die beim Vermessen resp. Abbilden helfen sollten,

wie fremde Versatzstücke.Und die Mittel werden ihrem

ursprünglichen Zweck entzogen, sie werden in eine von

Synästhesien durchzogene Welt transponiert, in der die

Augen hören und die Ohren sehen.“ Zitat Ende. Listen and

you’ll see.

Rolf Hermanns Gedichte sind zum Teil im Winter 2010 in

Tübingen entstanden, als Rolf Hermann das dortige

Stadtschreiberstipendiuminnehatte. In Tübingen lebte er im

ehemaligen Aufseherhäuschenim Stadtfriedhof. Direkt vor

seinem Küchenfenster, fünf Meter davon entfernt, lag das

Grab von Hölderlin.

Und für den Heimweg kam Rolf Hermann an der

Wö(h)rdstrasse vorbei. Nähe und Ferne sind in der

‘Kartographie des Schnees‘ keine räumlichen Begriffe mehr.

Ja, man staunt über die einzelnen Wörter und deren

Zusammensetzungen in Rolfs Wunderland: Nichts scheint

sich von selbst zu verstehen. Kopfvoran in einen Fingerhut.

Die Dinge werden umgesprochen, in unkonventionellen

Umgebungen angesiedelt. An der ‘rued’hiver‘ oder dem

‘Chemin de l’ombre‘ zum Beispiel.

Die Sprache in “Kartographie des Schnees“ stammt aus

einem IrgendwoAnderswo, ist eine eigenwillig feine.

In diesen Beschreibungen der Verbunden- und

Verschlungenheit der Dinge lässt sich vielleicht ein

wunderbares Singen aus dem Schnee vernehmen. Dieser

Schnee ist jedoch nicht weiss, sondern eher grau-schwarz,

verdeckt Wege, unterläuft physikalische Gesetze. Die Zeit

erweist sich als Gebastel und als Verschmelzung

verschiedener Sinneseindrücke. Ein Jahr entspricht einer

Sekunde, Jünglinge werden nach dem Zeilenende als Greise

herausgeworfen.

Fernab des wuchtigen Mainstreams von vertrauten

Wörtern, in dem man sich treiben lassen könnte, siedelt

sich Rolf Hermanns Sprache an.

Das ist gewagt, riskant und aufregend.

Ich freue mich darauf.