Kurze Chronik einer Bruchlandung. Gedichte.
Bern: Verlag
X-Time 2011.

[Rezensionen]

Von Angelika Overath | Erschienen in NZZ

18. Januar 2012

Kaleidoskop des Ich

Ein Gedichtband von Rolf Hermann

Seit Jahren arbeitet Rolf Hermann an einem

«Museumskatalog», in dem er seine Bild-Collagen

versammelt. Er schreibt sie imaginären Künstlern zu und

hängt sie in fiktiven Museen auf. Hermann schneidet

Gesten, Haltungen aus Gemälden heraus und verbindet sie

mit fragmentierten Naturaufnahmen oder Fotografien aus

den Bereichen Technik oder Architektur. So setzt er den in

einer idyllischen Landschaftsszenerie vor dem Dorf Pfeife

schmauchenden Biedermann aus Carl Spitzwegs

«Friedlichem Abend» einem Hochhausmoloch gegenüber

und findet den Titel «Happiness on the 37th Floor / Raus

aus der Betonkapsel». (Das Bild sei von R. J. Carlos und

hänge im «Guggenheim-Museum, Hausach».) Blicke aus

Bildern, die Jahrhunderte voneinander entfernt sind,

können aufeinandertreffen. In «Peeping John / Johannes

der Spanner» betrachtet Johannes der Täufer (Rogier van

der Weyden) durch ein Fenster die «Kleine Badende» von

Ingres.

Hermann schliesst Räume und Zeiten kurz. Und

überraschend blitzt etwas auf: ein neuer Sinn, eine

Schönheit, etwas, das oft lachen macht. Was in der Bild-

Collage sofort verständlich ist, wirkt im Nacheinander des

Textes abstrakter, zumal Hermann gerne ohne

Interpunktion arbeitet. Dem Leser ist ein Schwindelgefühl

zuzumuten. Da liegt ein Ich «splitternackt und /

zusammengerollt in der defekten Wäschetrommel / eines El

Greco auf dem der Himmel / einer leeren Blutbahn gleicht

frühmorgens / sortiere ich die Kleider hänge die

Kochwäsche / an die Korkeiche und die Buntwäsche / an

die Steineiche bis alles über mir flattert / im trockenen

Wind der Fahrt aufnimmt». So im Gedicht

«Verdoppelungsversuch». Es endet: «dabei sind wir

einander zum Verwechseln ähnlich / was er tut das tu

auch ich und umgekehrt zünd ich / ein Zündholz an ruft er

sogleich die Feuerwehr».

Das Ich ist ein Doppeltes. Mindestens. Wie jede Bild

Collage einen anderen Künstler hat, kämpft in den Texten

ein Ich um seine Identität. Es lebt mit seiner «Grossfamilie

der einsturzgefährdeten Dinge», es stolpert und fällt:

«Überschlug mich der Aufprall / ich in tausend Stücke zum

Glück / war ich nicht allein und / auch der Monat stimmte /

wir waren zu dritt zwei Ratten / und die Vielfalt meines

Ichs». Dieses Ich ist «geborgen an jedem Ort», den es sich

schreibend schafft. Dabei liegt die sicherste Heimat in der

Nähe zum Unspektakulären und der sprachlichen Nuance,

die es genau fasst.

«Wer seinen Hausrat nicht mit Vornamen kennt / der ziehe

in eine kleinere Wohnung», beginnt das Gedicht «Kleiner

Ratgeber zur Behebung eines Rohrbruchs». Es ist

verblüffend absurd, nach dem Vornamen des Hausrats zu

fragen. Ist es auch absurd, in eine kleinere Wohnung zu

ziehen? Von hier aus entwickelt sich der kreative Funke.

Denn wohin soll man ziehen? «Besser noch in den

Geräteschuppen / ringsherum Butterblumen

Brombeersträucher / Baldachinspinnen». In den Miniaturen

der kleinen Verhältnisse steckt unverhoffte Intensität.

Gegen das unpersönliche Pluralwort «Hausrat» locken am

Ende charaktervolle Konkretionen: «Hier messe er die

Veränderungen der Blattrippen / lerne auswendig den

Inhalt des Werkzeugkastens / vor allem den

Hebelmechanismus der Wasserpumpenzange».

Bei aller Vertrautheit mit dem Werkzeugkasten ist

Schreiben immer das Wagnis des ersten Mals, ist radikale

Aufmerksamkeit, Sprung in den unerwarteten Bezug (der

Wirklichkeit von Blattlaus, Milbe, Wanderfalter). In

Bruchlandungen, Räume und Sinn zerbrechend und dann

zusammenheftend («Wer sich in die Betrachtung einer

Büroklammer vertieft / entdeckt darin sein Selbstporträt»),

entstehen Konstellationen, die psychisch verbürgte

Wirklichkeit vorschlagen. Auch die Liebe zu Anna, der

Bibliothekarin, findet einen Ort im Wort. Lappland, Helsinki,

Horizonte des Polarlichts werden zu Chiffren für den

glücklich-scheuen Aufbruch. Zwischen Bild- und Wort-

Collage ist Rolf Hermann fraglos eine Doppelbegabung.

Seine Lyrik gehört zum Aufregendsten, was in der

deutschen Sprache gerade zu lesen ist.

Rolf Hermann: Kurze Chronik einer Bruchlandung. Gedichte.

Mit Collagen des Autors. Verlag X-Time, Bern 2011. 89 S., Fr.

22.90. Der Autor liest heute Abend im Zürcher Literaturhaus

zusammen mit Leta Semadeni in der Reihe «Cari vicini» aus

seinem Buch (20 Uhr).


***

Von Manfred Papst| Erschienen in NZZ am Sonntag

03.April 2011, No 3

 

Lyrik | Der Walliser Autor Rolf Hermann überzeugt auch

mit Collagen

 

Poetische Betrachtungen über eine Büroklammer

 

Eine Milbe studiert ein schräg hängendes Tafelbild auf

unverputzter Wand. Es zeigt das Wachstum eines

Vulkankegels zwischen Juli und Oktober 1767. Die Milbe

erforscht wie kaum ein anderes Tier die Übergänge

zwischen Liegen und Sitzen. Der Dichter steht derweil

demütig am Herd, lässt Salzwasser aufkochen, legt einen

Bindfaden hinein. Mit seinem Lieblingstier will er ein Buch im

Wachzustand schreiben. Die beiden zählen bis zehn, doch

bei vier fallen ihnen die Augen zu.

 

Wer Sinn für solche surrealistischen Sprachbilder hat, der

ist bei Rolf Hermann gut aufgehoben. Der 1973 im Wallis

geborene Autor und Collage-Künstler hat mit «Kurze

Chronik einer Bruchlandung» soeben seinen zweiten

Gedichtband vorgelegt. Er ist exakt so aufgebaut wie sein

2007 (ebenfalls bei X-Time) erschienener Vorgänger, der

den so umständlichen wie schönen Titel «Hommage an das

Rückenschwimmen in der Nähe von Chicago und anderswo»

trug: Fünf Gruppen von Gedichten, darunter der zehnteilige

Zyklus «Der Hosenträgerpianist», verbinden sich mit

Collagen des Autors.

 

Diese entstammen seinem grossangelegten «Museum nach

eigenen Regeln». Darin kombiniert Hermann Ausschnitte

aus bekannten Gemälden verschiedenster Epochen mit

Fotos, Schriftzügen und Schildern zu so abgründigen wie

witzigen Gebilden, die er fiktiven Künstlern und Standorten

zuordnet. «Rudy Angel van der Weyden», lesen wir da zum

Beispiel, «Peeping John, 1464–2008, Oil and Tempera on

Wood, 19,5 × 14,3 cm, Private Collection, Randclove». Das

Bild zitiert van der Weyden, Bronzino und Ingres. Eine

andere Collage Hermanns, «Private Quiz Show», wird Marie

R. Trüb zugeschrieben und hängt angeblich im Museum of

Cultural Art in Tarnewitz. Es zitiert Marie Louise Catherine

Breslau und Wilhelm Trübner.

 

Bild und Text ergänzen sich bei Hermann aufs Sinnfälligste.

Seine Gedichte sind federleicht und doch tiefsinnig, von

ausserordentlicher Musikalität und plastischer Kraft. Sie

gehen von exakten kleinen Wahrnehmungen im Alltag aus,

die sie dann verdichten, verfremden, in der Art eines

Flickenteppichs verarbeiten. Alles Pathetische und

Prätentiöse ist ihnen fremd. Natürlich sind sie nicht alle

gleichermassen gelungen; doch von welchem Lyriker liesse

sich solches schon behaupten?

 

Rolf Hermann lässt sich viel Zeit für sein lyrisches

Schaffen. Doch neben seinen Gedichten ist der 38-Jährige

mit etlichen Hörspielen, Theater- und Performance-Texten

hervorgetreten. Zusammen mit Michael Stauffer hat er die

Hörspiele «Kein Zucker im Kaffee: Hommage an

Grossmutter» und «Am Tag vor der Abreise», eine

Würdigung des Zermatter Dichters Hannes Taugwalder,

verfasst. Mit dem Trio «Gebirgspoeten», zu dem neben Rolf

Hermann Matto Kämpf und Achim Parterre gehören, hat er

die CD «Letztbesteigung» (Gesunder Menschenversand

2010) herausgegeben, eine Sammlung skurriler

Mundarttexte. Als Spoken-Word-Künstler trägt Rolf

Hermann, der in Bern, Fribourg und Iowa studiert hat, seine

Texte auf Hochdeutsch, in Walliser Mundart und auch auf

Englisch vor.

 

In Susten ist er aufgewachsen, in Biel lebt und arbeitet er,

doch seine eigentliche Heimat ist die Welt zwischen den

Wörtern, das Reich zwischen Traum und Wachen. Er

vertieft sich in die Betrachtung einer Büroklammer und

entdeckt sein Selbstporträt. Die Vorstellung einer im

Schlick schlafenden Seeschnecke versetzt ihn in einen

Zustand allumfassender Zuversicht. Summend wiegt er

seine Urteilskraft in den Schlaf. Lieber bleibt er ratlos, als

dass er Schwarzwurzeln kaut. Erschöpft liegt er zwischen

zwei Buchdeckeln und schiebt sich zurück ins Regal.

 

***

 

Von Alexander Sury| Erschienen im Bund

21. März 2011

 

«Ich schiebe mich zurück ins Regal»

 

Er ist Oberwalliser und Teil des Trios «Die Gebirgspoeten»:

Als hintersinniger Sprachkünstler brilliert der 37-jährige Rolf

Hermann in seinem zweiten Gedichtband «Kurze Chronik

einer Bruchlandung».

Da ist zum Beispiel dieser etwas weltfremde

«Hosenträgerpianist», der einem im gleichnamigen

Gedichtzyklus in zehn Stationen fast widerwillig ans Herz

wächst, ein armer Poet und Hungerkünstler, auf dessen

Herd immerhin eine Linsensuppe mit Speck kocht. Doch

bereits Mitte der Woche keucht der Dampfabzug, und es

riecht abgestanden: «Am Mittwoch z. B. bin ich nichts

weiter / als das allmählich verhallende Echo in meinem /

immer mehr der Erosion preisgegebenen Mundraum, / in

dem die Eckzähne bedrohlich wackeln.» Ein ausge-

wachsener Hypochonder mit einem Hang zur Selbst-

unterschätzung ist er, der ohne das «sorgfältige

Bündeln der Jahreszeiten» orientierungslos herumirrt, «in

kurzen Hosen inmitten schneebedeckter Felder» steht und

über seine eigene Wenigkeit sagt: «An guten Tagen tauge

ich vielleicht als Vorlage / für ein vergilbtes Tapeten-

muster.»

 

Dieser Taugenichts verliebt sich in die sittsam gekleidete

Bibliothekarin Anna mit «weisser Bluse und schwarzen

Brillenrändern», die beiden erzählen sich lustvoll

gegenseitig «Lügengeschichten aus der Kindheit». Am Ende

steht jedoch kein Happy End, sondern die Devise «Besser

ratlos bleiben und Schwarzwurzeln kauen». Diese Welt

draussen ist ungeniessbar, für den Hosenträgerpianisten zu

kompliziert oder vielleicht auch zu einfach eingerichtet:

«Erschöpft liege ich zwischen zwei Buchdeckeln / und

schiebe mich zurück ins Regal.»

 

Den Überblick verschmäht er

 

In seinem zweiten Gedichtband, «Kurze Chronik einer

Bruchlandung», gibt der 37-jährige, in Biel lebende

Oberwalliser Rolf Hermann – man schätzt ihn auch als

Mitglied der lustvoll morbiden «Gebirgspoeten» an der Seite

von Matto Kämpf und Achim Parterre – mit virtuosem

Sprachwitz und einem untrüglichen Blick für das Absurde im

alltäglichen Wahnsinn Auskunft über «Mein Leben im

Termitenhügel», er stimmt eine «Ratten-Ballade» an,

wartet auch ganz praktisch mit einem «Kleinen Ratgeber

zur Behebung eines Rohrbruchs auf» (Motto: «Wer seinen

Hausrat nicht mit Vornamen kennt / der ziehe in eine

kleinere Wohnung»).

Was einen besonders für diesen listigen Lyriker einnimmt,

ist der Umstand, dass er auch nicht im Entferntesten den

Anschein erwecken will, als ob er kraft dichterischen

Sehertums etwas Ordnung im Chaos schaffen könnte; ganz

im Gegenteil: «Überblick verschaffe ich mir keinen» lautet

fast trotzig das Credo; der Dichter wird für diese

Demutsgeste indes auf zwiespältige Weise belohnt: «Je

absichtsloser ich mein Leben führe / desto nahtloser

schliesst sich / der innere an den äusseren Gehörgang an /

Schlaforscher belegen diese These / und Besserung ist

keine in Sicht.»

 

Spezieller Museumskatalog

 

Als Lyriker sei er ein «Maulwurf», hat Rolf Hermann kürzlich

erklärt, er lebe ein von Euphorie und Selbstzweifeln

begleitetes «Unterweltsdasein». Allerdings hat die

literaturinteressierte Oberwelt durchaus schon erfreut

Kenntnis genommen von Hermanns Theaterarbeit («Crazy

Horn») sowie seinen Hörbüchern und Hörspielen, die er in

Zusammenarbeit mit dem Dichterkollegen Michael Stauffer

realisiert, etwa von der berührenden Hommage an seine

Grossmutter («Kein Zucker im Ka?ee») oder von der

subtilen Annäherung an den Zermatter Dichter Hannes

Taugwalder. Ein weiteres Hörspiel, an dem er dank einem

Stipendium des Kantons Bern derzeit in Paris arbeiten kann,

nimmt den Besuch des amerikanischen Schriftstellers James

Baldwin in Leukerbad auf; dieser hatte in den 1950er-

Jahren als erster Schwarzer überhaupt den Walliser Kurort

besucht und die Einheimischen allein durch seine

Erscheinung in Staunen versetzt.

 

Staunen darf der Leser von Hermanns Gedichten auch über

die zehn Collagen des Autors, der Kopien bekannter

Gemälde aus unterschiedlichen Epochen und Genres visuell

miteinander ins Gespräch bringt. Diese Werke werden in

einem «Museumskatalog nach eigenen Regeln» auch mit

neuen Titeln versehen und nicht existierenden Künstlern

und Museen zugeordnet. So lernen wir dank Rolf Hermann

bislang unbekannte Meister wie Rudy Angel van der

Weyden oder Giorgio R. Modiglianissimo kennen und

Kunststätten wie das Museum of Western Hermitage in

Mett bei Biel schätzen.

 

***


Von Rolf Hubler, Präsident der Literarischen Biel
Erschienen im Bieler Tagblatt, 19.02.11

Roadmovie ohne Fahrz
euge

Auf Einladung der Literarischen Biel und des Verlags

X-Time stellt der aus der anderen Schweiz (dem

Wallis) stammende und in der Ausserschweiz (Biel)

wohnhafte Schriftsteller Rolf Hermann seinen neuen

Lyrikband «Kurze Chronik einer Bruchlandung» vor.

Rolf Hermann ist in einer literarischen Sparte tätig, die an

«regulären» Lesungen mehr schlecht als recht vertreten

ist: der Lyrik. Dabei haben Gedichte wie keine andere

Gattung der Literatur eine Tradition und Geschichte der

direkten, unmittelbaren Vermittlung. Gedichte wollen

vorgelesen und gehört werden, Gedichte tragen die

Fähigkeit zum hautnahen, ohrnahen Kontakt gleichsam in

den Genen – und das ist schon lange so, das Gedicht und

die Bühne haben bereits lange vor der Erfindung der Slam

Poetry eine enge Liaison eingegangen. Lyrik war und ist

auch immer ein Versuchslabor der Sprache, in dem Worte

in Rhythmiksäuren gebadet und Melodiesalzen gepökelt

werden – oder mit anderen Disziplinen vermischt.

Ein Nomade im heimischen Lotterzelt

Rolf Hermanns Gedichte kommen kaum aus dem eigenen

Haus heraus. Und das Haus selbst ist, aufs Ganze gesehen,

schon leicht aus der Fasson, um nicht zu sagen: ruinös.

Die Wände sind dünn wie die eines alten Pfadizeltes. Die

Gedichte haben etwas von einem Road Movie: Da möchte

jemand aufbrechen, Zentimeter um Meter um Kilometer

«fressen», in Bewegung bleiben und sich nur mit dem

Allernötigsten beschweren, um weiter zu kommen, um

weiterzukommen. Aber er schafft es kaum aus dem Haus

heraus. Rings herum und im Haus selbst Zerfall, wohin das

Auge blickt, die Tapeten lösen sich auf, Sand rieselt, die

Äpfel verfaulen am Baum, die Zähne im Mund. Was noch

greifbar ist, ist klein und nicht mehr strahlend und ganz:

Die Gedichte sind voller Sandkörner, Scherben, Staub, und

die Dinge, die noch vorkommen, sind Minidinge, eine

Bonsaiwelt. Diese Reduktion oder Schrumpfung von Welt

stimmt selbst für die Fauna – die Zeilen werden fast mehr

von Tieren als von Menschen bevölkert, und die Tiere

selbst sind Tierchen: Ratten, Milben, Schwalben, Wiesel,

Maulwürfe, Distelfalter, eine Fauna en Miniature. Zerfall

und Tiere haben sich der Reste bemächtigt, welche die

Menschen übrig gelassen haben. Die übrig gelassenen

Menschen, darunter auch das «Ich», haben den Fuss auf

ihrer Reise ohne Ende längst vom Gaspedal genommen, sie

torkeln, stolpern, irren durch die Welt, und ihre Sprache ist

kein lauter Gesang mehr, sondern ein Stottern, manchmal

auch einfach Schweigen. Zahlreiche Gedichte brechen

irgendwo ab, versanden gleichsam, bevor sie zum hohen

Flug angesetzt haben. Der Kompass heisst

Orientierungslosigkeit, die Heimat Lotterzelt.

Die zerbröselnden Maisfelder Iowas

Obwohl es der Titel «Dialog in Dickinson County» (Dickinson

County ist ein County – bezeichnenderweise das kleinste –

im Bundesstaat Iowa. Wer jetzt an Emily Dickinson, die so

verschwiegene, so grosse Dichterin aus Amherst gedacht

hat, – wie gut, zu gut würde sie hierher passen! – sieht

sich getäuscht) nahelegen würde, spricht hier niemand

mehr. Ausser das schreibende Ich, welches das stumme

Ich im Gedicht, doch: zum Leben erweckt. «Dialog» heisst

vor allem Selbstgespräch. Was fassbar ist, ist zu fassbar,

so, dass es nicht mehr fassbar («allzu verlässlich») ist. In

der sich auflösenden Landschaft irrt das Ich ziellos umher,

nicht nur aussen ist alles reduziert und gedämpft, sondern

auch innen, ein Hohlraum gleichsam, fast leere Luft. Selbst

die Verdoppelung des Ichs in den letzten zwei Zeilen führt

paradoxerweise nicht zu einer Ausweitung, sondern, eben

zu einer weiteren Reduktion. Das Inventar der Welt ist fast

leer. Was jetzt noch übrig ist, lebt zwar knapp, aber

gewaltig: Aufblitzen der Schönheit im Dunkel.

Die Kunstmuseen in der äussersten Provinz

Die Gedichte werden flankiert oder begleitet oder illustriert

von Collagen, die Rolf Hermann angefertigt hat. In ihnen

überlagern sich Werke alter Meister mit Banalem, Ölfarbe

mit Digitalfotos. Die Informationen zu den Bildern

suggerieren arrivierte Kunst. Die Collagen hängen allerdings

nicht in San Francisco, Paris und London, sondern im

«Museum of Western Hermitage» in Mett, im «Guggenheim

Museum» Hausach oder im Maritime University Museum

Tingstädeträsk, vermutlich ein trauriges Kaff in den

endlosen Tundren Südfinnlands. Reduktion at ist best. Rolf

Hermann wird die Collagen anlässlich der Lesung

projizieren. Der Verlag X-Time (Verleger Jürg Spichiger)

wird ebenfalls anwesend sein und die Buchvernissage

mitgestalten.

2 ausgewählte Gedichte

Dialog in Dickinson County


Die allzu verlässliche Geometrie
der Mais- und Sojabohnenfelder
darüber der unerschütterliche Himmel

Verloren folge ich der Landstrasse nach Norden
dann nach Osten dann nach Süden dann nach Westen
im Kern aufgedröselt und entlang abgeernteter Ränder

Von mir ist nicht viel übrig
von mir noch viel weniger

Nature morte


Und später
ausserhalb
des Parks


zwei wild
wachsende
Apfelbäume


die Früchte
geschrumpft
teils verfault


zwischen
Brennnesseln
Glasscherben


feuchtem
Baumaterial

Lesung
24. Februar 2011, 19.30 Uhr, théâtre de poche, Obergasse 1, Biel.
Die Literarische Biel in Zusammenarbeit mit dem Verlag X-Time, Bern



***

Von Andreas Schnyder | Erschienen in

das Kulturmagazin.
No. 02 Februar 2011


Collage-Lyrik

«Unser Entschluss steht fest. Dieses Buch wollen wir im

Wachzustand schreiben. Wir zählen auf zehn. Bei vier

fallen uns die Augen zu.» Die Schlusszeilen des Epilogs von

«Kurze Chronik einer Bruchlandung», des zweiten

Gedichtbandes des in Biel lebenden Walliser Schriftstellers

Rolf Hermann, skizzieren die Stimmung des Buches perfekt.

Oszillierend zwischen Traum und Wachsein, treibt ein

lyrisches Ich auf den Seiten – wo mannigfache Bäche

zusammenströmen oder einen breiten Storm sich verästelt

– durch Kapitel, die mit «Das Schweigen des Sprungseils»

oder «Der Hosenträgerpianist» betitelt sind. Herrlich

unaufgeregt, weitab von hippen Slam-Kalauern oder

anachronistischen Schnörkeleien entfalten Hermanns

lyrische Happen eine luzide Landschaft, wo sich Fata

Morganas zwischen Naturlandschaften, Städte, Träume,

Erinnerungen und Beobachtungen schmuggeln. Dann und

wann taucht eine Bildcollage des Autors auf, mit

verballhornten Namen der Einzelteilerzeuger, Titel und

fiktiven Museen. Ein wahrlicher Trip ist dieses Buch, ein

fantastischer selbstredend. Ein Sprung in das grundlose

Becken, wo Surrealismus und Romantik im Heute

verschmelzen – wundert da die Referenz an Eichendorff im

Kaptitel «Buchstaben sind zählbar»? Kurzum: Stark

evozierte Stimmungen, diffus, doch nie beliebig,

erfrischend international – dichterisch etwas vom

Reizvollsten in deutscher Zunge seit langem.

Buchtaufe: Di 22. Februar 2011, 20 Uhr, Loge Luzern.



***

Von Lothar Berchtold

Erschienen im Walliser Bote, 08.03.2011

Literatur | Rolf Hermann präsentierte seinen neuen Lyrik-Band «Kurze Chronik einer Bruchlandung»


Lyrik macht Spass – dem Autor und dem Publikum


LEUK-STADT | Spass haben und ihn weitergeben,
sich selbst überraschen und auch die Leserschaft
– zwei gute Gründe, weshalb Rolf Hermann Gedichte

schreibt. Was diesen Autor zudem auszeichnet:

Er versteht es, sein literarisches Schaffen

unterhaltsam an Mann und Frau zu bringen.


Davon überzeugen liess sich, wer sich vergangenen

Freitagabend in der Burgerstube zu Leuk-Stadt

eingefunden hatte. Hier entführte Rolf Hermann das

zahlreich aufmarschierte Publikum in die Welt seiner Lyrik,

gab Kostproben aus seinem neuen Gedichtband
«Kurze Chronik einer Bruchlandung» und streute dabei
auch Dialektgeschichtchen ein; zudem stellte sich der

Autor einem Gespräch über sich und sein Schaffen und

wartete erst noch mit einem «kunsthistorischen
Ausflug» auf, der mit Humor nicht geizte.


«Vielseitiger Schreiber»


Rolf Hermann wuchs in Susten auf, lebt und arbeitet seit

Jahren in Biel. Die Verbindung zum Wallis riss nie ab,

regelmässig ist er hier anzutreffen. So richtig zu Hause

fühlt er sich in der «Welt der Worte». Ob er solo als
Lyriker unterwegs ist oder im Trio der «Gebirgspoeten»

auftritt – Humor schwingt in seinen Werken und Auftritten

immer mit. «Rolf Hermann ist ein vielseitiger Schreiber»,

begrüsste denn auch Reinhold Schnyder den Autor im

Namen der Stiftung Schloss Leuk und betonte: «Seine

Originalität und Offenheit, seine Freundlichkeit und

Verbundenheit zu unserer Region – all dies gefällt mir.»


«In erster Linie mache ich es für mich»


Wer sich der Lyrik verschrieben hat, schreibt nicht fürs

«grosse Publikum», führt in den Feuilletons der Medien eine

Art Schattendasein. Dieser Tatsache ist sich Rolf Hermann

bewusst. Doch beeindrucken davon lässt er sich nicht, im

Gegenteil: Er schreibt Gedicht um Gedicht – und erst noch

solche der anregenden Art. Denkt der Lyriker beim

Schreiben überhaupt an ein Publikum – oder andersrum

gefragt: Für wen schreibt Rolf Hermann? «In erster Linie

mache ich es für mich – und ich tue es, weils mir Spass

bereitet», bringt der Autor seine Sicht der Dinge auf den

Punkt. Warum er überhaupt Gedichte verfasst? «Es
hat mich einst gepackt – und es liess mich nie mehr los»,

hielt er fest. Gedichte sich erarbeiten ist vergleichbar mit

Bildhauerei: Es geht letztendlich um die Kunst des

Weglassens. Wie weiss denn der Lyriker, wann er seine

Gedanken in «richtiger Dosierung» in Worte gekleidet hat?

Eine Sache des Gefühls, findet Rolf Hermann.


Warum die vielen Tierchen?


Schnecke und Mücken, Blattläuse und Milben, Ratten und
Baldachspinnen – wer sich Rolf Hermanns neues

Gedichtbuch zu Gemüte führt, trifft auf viele Tierchen.

Warum, Rolf Hermann? «Dahinter stecken letztendlich
Fabeln», erklärte der Oberwalliser Autor. Was die Lyrik von

Rolf Hermann unter anderem auszeichnet, ist deren

Musikalität. Ob er sich denn auch musikalisch betätigt?

Einst habe er es mit dem Klavierspielen versucht, lacht der

Dichter, doch heute überlasse er das Musizieren anderen.

Was bei der Leuker Lesung übrigens das Duo Rolf Schnider

und Andy Schnyder übernahm. Die beiden taten es

vorzüglich, vor allem die literarisch-musikalische

Präsentation der «Hosenträgerpianist»-Serie tönte

hinreissend.

«Collagen garantieren mir einen Ausgleich»

Rolf Hermann verleiht seinen Eindrücken nicht nur in

Worten Ausdruck, sondern greift auch regelmässig zu

Schere und Leim. Dabei entstehen Collagen, die seine

Bücher bereichern. «Diese Collagen garantieren mir

einen willkommenen Ausgleich zum Schreiben», erklärt der

Dichter. Dabei lebt er auf witzige Art seine Fantasie aus:

All diese Werke kennen nämlich einen ungemein wichtig

tönenden englischen Titel – der in ziemlich freier

Übersetzung stets auch auf Deutsch daherkommt
– und sind in imaginären Museen rund um die Welt zu

Hause. Spass muss sein – ein Motto, das der Lyriker
Rolf Hermann auf verschiedensten Feldern auszuleben
versteht.

***


Von Pablo Haller | Erschienen im ensuite Kulturmagazin.
Jahrgang 9, 2011.

Kurze Chronik einer Lesung

Der gebürtige Walliser (mittlerweile Bieler), soeben aus

Paris und Litauen zurückgekehrte Dichter und Gebirgspoet

Rolf Hermann hob gestern in der Loge seinen zweiten

Lyrikband «Kurze Chronik einer Bruchlandung» aus der

Taufe. Für den musikalischen Part war der Cellist Mathis

Keller besorgt.

Ein kleines Grüppchen hatte sich gestern (Dienstagabend)

in der Loge eingefunden um Rolf Hermanns Gedichten zu

lauschen. Gedichten, die sich aus dem scheinbar

Alltäglichen rauswühlen wie Maulwürfe, die sich schliesslich

zwischen Assoziationen und stillen, nie gesucht wirkenden

oder exzessiv betriebenen Wortspielen unauffällig aus dem

Staub machen. Ein Kritiker schrieb von «Luziden

Landschaften», die von Hermanns Lyrik entfaltet würden

«wo sich Fata Morganas zwischen Naturlandschaften,

Städte, Träume Erinnerungen und Beobachtungen

schmuggeln». Zwischen den Worthappen kitzelte Mathis

Keller – Solocellist im Orchester Collegium Cantorum,

Kammermusiker und freier Improvisator (u. A.

Zusammenarbeit mit dem Luzerner Mani Planzer) – hoch

spannende Sounds aus seinem Cello, die Referenz auf die

Texte nahmen. Im Hintergrund leuchteten Collagen auf, die

Hermann aus Kunstwerken (erst nach Ablauf des

Urheberrechts) und Zeitungsfotografien zusammengestellt

hatte, die er mit einem witzigen, eigenen Werkkatalog plus

Übersetzungstitel versah. Beispielsweise der Titel «Don’t

Go Off on a Tangent», der selbst schon Verballhornung ist,

wird eingedeutscht zu «Herr Asperger in Tanger». Einige

der Collagen kann man hier anschauen.

Zwischen den drei Sets gab es zwei Gespräche, moderiert

vom Mit-Logenverwalter und Poet André Schürmann. Über

die Arbeitsweise des Dichters, der meist aus einem

immensen Skript aus Skizzen selektiert und collagiert. Über

seine Einflüsse von Frank O’Hara, Rolf Dieter Brinkmann und

«überhaupt dieser Beat-Generation». Dem Gesprächsleiter

fiel dann auch auf, was bisher weder dem Autor, noch der

Leserschaft ins Auge stach; nämlich dass auf beiden

Covers ob Erstling «Hommage an das Rückenschwimmen in

der Nähe von Chicago und anderswo», oder Nachfolger

«Kurze Chronik einer Bruchlandung», die Abbildung eines

Mannes, von hinten, in kurzen Hosen prangt.

Während Hermann im ersten und dritten Set querbeet las,

war das Zweite ausschliesslich den 10 Kurzgedichten aus

dem Kapitel «Der Hosenträgerpianist» gewidmet, der

Sequenz des Buches, die als einzige mit Interpunktion und

blosser Nummerierung anstelle von Titeln auskommt. Wo

«Nr. 5» mit dem fantastischen Satz «An guten Tagen

tauge ich vielleicht als Vorlage für ein vergilbtes

Tapetenmuster …» beginnt, wo «Nr. 10» mit «Erschöpft

liege ich zwischen zwei Buchdeckeln und schiebe mich

zurück ins Regal» endet.

Zur Conclusio: Schade, dass nicht mehr da waren,

obschon die Lesung in diesem intimen Rahmen noch mal

eine Schicht Stimmung verpasst bekam. Hermann sollte

man gehört, muss ihn jedoch gelesen haben / noch lesen.

Wer sich für eine naturalistisch-psychedelische (Oxymoron,

ist mir bewusst) Poesie abseits von Kitsch, Pathos und

Slam begeistern kann, sollte mal den einen oder anderen

Blick in Hermanns Bücher werfen.

Bleibt nur noch die Frage, wer denn wohl diese Anna ist,

die an verschiedenen Stellen immer wieder auftaucht.